Für die Seele sorgen

Kürzlich streifte ich durch schmale Straßen im Zentrum von St. Pölten. An beinahe jedem zweiten Haus sah ich Schilder wie „Die Beziehungsberater“, „Lebensharmonie“, „Kraft zum Leben“, „Zentrum für Beratung, Training und Entwicklung“. Mir war zwar meistens nicht ganz klar, was diese Menschen genau anbieten, dennoch war ich beeindruckt. Ich hatte in letzter Zeit schon den Eindruck, dass sich immer mehr Menschen beruflich damit beschäftigen, anderen Menschen dabei zu helfen, sich wohler zu fühlen und besser mit ihrem Leben klar zu kommen. Und dass auch immer mehr Menschen bereit sind, auf der Suche nach ihrem Lebensglück oder in Umbruchphasen Hilfe von Profis zu holen. Eine Freundin gelangte über eine Gesprächstherapie nach ihrem Burnout schließlich an eine Grinberg-Praktikerin. Diese versucht, über verbesserte Wahrnehmung des Körpers auch das seelische Wohlbefinden zu erhöhen. Ein befreundetes Paar wandte sich an einen Coach, weil es mit den Wutanfällen seines Sohnes nicht mehr zurande kam. Ein Bekannter wollte seine weitere Berufslaufbahn planen und holte sich dazu die Hilfe eines Karriereberaters. Natürlich könnte das auch eine zufällige Häufung in meinem Bekanntenkreis sein. Bei meinem Spaziergang durch St. Pölten wurde mir klar, dass wohl mehr dahinter steckt. Eine Anfrage bei der Wirtschaftskammer bestätigt: Die Anzahl der Lebensberater mit Gewerbeschein hat sich in den letzten 10 Jahren mehr als verdoppelt. Und vermutlich handelt es sich dabei nur um einen Bruchteil jener Coaches und persönlichen Berater, die Ratsuchenden ihre Hilfe anbieten. Genaue Zahlen lassen sich nicht eruieren. Zu undurchschaubar ist der boomende Markt, genaue Berufsbilder gibt es (noch) nicht.

Warum aber dieser Boom? Menschen suchen heute sicherlich verstärkt Unterstützung in Lebensfragen. Unser modernes Menschenbild suggeriert, dass jeder sein Glück selbst schmieden kann – und damit die Verantwortung für sein Wohlbefinden trägt. Auch sind heute wieder mehr Menschen auf der Suche nach dem Sinn ihres Tuns. Und ein dritter Faktor spielt mit: Jeder ist heute viel stärker gefordert, aus der Vielzahl an Möglichkeiten seinen individuellen Lebensteppich zu weben. Mittlerweile ist es gesellschaftlich akzeptiert, dafür Hilfe bei Profis zu suchen.

Aber auch früher gab es im Leben der Menschen immer wieder Sorgen und Belastungen, die sie nicht alleine lösen konnten. Unterstützung leistete hier vor allem die Kirche: in Gesprächen bei Übergangsritualen wie Hochzeit, Taufe oder beim Tod eines geliebten Angehörigen. Durch gemeinsame Gebete und Handauflegen. Beim meditativen Rosenkranzbeten. In Beichten, in denen Menschen vertraulich über jene Dinge reden konnten, die ihre Seelen belasteten. Dabei wurden sie sogar von ihren Sünden freigesprochen, eine kaum vorstellbare Erleichterung für die Seele! Natürlich bietet die Kirche das alles auch heute noch. Aber wer nimmt es noch in Anspruch? Rosenkränze etwa betet heute kaum noch jemand, schon gar nicht jüngere Menschen. Diese buchen stattdessen beispielsweise Meditationsseminare um teures Geld bei den Anhängern von Maharishi Mahesh Yogi, einem Guru, der durch die Beatles weltweit bekannt wurde. Zu Taufgesprächen und Hochzeitsvorbereitungen gehen junge Paare heute nur, weil sie das kirchliche Ritual der Feier schätzen, die Hochzeit in weiß vorm Traualtar. Wohl nur wenige nehmen die Lebensratschläge richtig ernst. Es scheint paradox: Gerade heute, wo der Bedarf nach kirchlicher Seelsorge in der Gesellschaft besonders hoch wäre, kann die Kirche die Menschen nicht erreichen. Woran kann das liegen? Auf der Suche nach einer Antwort lasse ich die kirchlichen Seelsorger und die Berater am freien Markt in vier Disziplinen gegeneinander antreten.

Ausbildung

Kirchliche Seelsorger sind sehr gut ausgebildet. Manche Pfarrer haben zusätzlich zum Priesterseminar und Theologiestudium Psychologiestudien und Lebensberaterausbildungen absolviert. Laienseelsorger haben ebenfalls ein Theologiestudium abgeschlossen oder das Seminar für kirchliche Berufe in Wien besucht – eine umfassende vierjährige Ausbildung mit verpflichtender Praxis. Im Vergleich mit den Anbietern am Markt ist hier ein sehr hohes Niveau Standard. Denn dort ist nur bei Psychotherapeuten und Lebensberatern mit Gewerbeschein sichergestellt, dass sie eine fundierte Ausbildung an einer zertifizierten Ausbildungsstätte und viele Praxisstunden hinter sich haben. Ansonsten ist die Ausbildung der Anbieter oft genau so undurchsichtig, wie der gesamte Markt. Wer beispielsweise vier Wochenenden an der Health-Balance-Akademie absolviert hat, darf als Life-Coach seine Dienste anbieten. Für Spiegelgesetz- oder Inszenario- Coaches, NLP-Practitioner und holistische Lebensberater gibt es unzählige Ausbildungen. Sollte man herausgefunden haben, was diese Berufsbezeichnungen überhaupt bedeuten, machen die großen Unterschiede im Umfang der Ausbildung und der Qualifikation der Lehrenden ein Urteil fast unmöglich. Wie soll man hier als Kunde noch den Überblick bewahren?  Fazit: Ein Vorteil für die kirchlichen Seelsorger.

Lebenserfahrung

Wie sehr sind kirchliche Seelsorger und private Coaches am Puls der Zeit, haben Erfahrung mit den Herausforderungen, denen sich Menschen alltäglich stellen müssen? Die Laienseelsorgerinnen und –seelsorger, die Pfarrer heute in ihrer Seelsorgearbeit unterstützen, bringen viel praktische und ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen aus ihren Familien- und Berufsleben mit. Einige Pfarrer haben vor ihrer Entscheidung zur Priesterweihe andere Berufe erlernt und ausgeübt. Die meisten halten sich durch ihr aktives Mitleben im Gemeindealltag und ihre Gespräche mit Menschen aller Altersgruppe auf dem Laufenden. In den Pastoralämtern beraten Experten aus unterschiedlichsten Bereichen Menschen bei ihren Anliegen. Private Coaches können auch bereits auf Erfahrung in vielen Berufsjahren in unterschiedlichsten Bereichen zurückblicken. Da sie zum Großteil älter als 40 Jahre sind, bringen auch sie ein gehöriges Maß an Lebenserfahrung mit. Fazit: Unentschieden.

Beziehung

Die Beziehung zum bezahlten Lebensberater ist meist rein geschäftlich. Das mag es für manche einfacher machen, persönliche Themen offen anzusprechen. Kirchliche Helfer hingegen stehen oft in einem persönlichen Naheverhältnis zum Ratsuchenden. Durch unverbindliche Gesprächen beim Zusammentreffen auf der Straße oder bei Feiern lernt man einander kennen und baut so langsam Vertrauen auf. Eine wichtige Grundlage, um im Ernstfall unangenehme Dinge leichter ansprechen zu können. Der Aufwand, einen passenden Berater zu finden, ist dadurch ebenfalls viel geringer. Ansonsten muss man sich oft durch viele Erstgespräche arbeiten, um den Coach zumindest in Ansätzen kennen zu lernen. Ein Urteil darüber, ob nun Nähe oder Distanz angenehmer ist, kann jeder nur für sich selbst treffen. Fazit: Unentschieden.

Kosten

Die kirchlichen Angebote sind kostenlos. Für jene am Markt hingegen muss man ab € 50,- pro Stunde hinblättern. Angesichts des gestiegenen Wohlstandes und des Trends, sich einen persönlichen Coach zu leisten, ist das aber für viele wohl kein Problem. Fazit: Dennoch ein Vorteil für die kirchlichen Seelsorger.

Die kirchliche Seelsorge kann also in diesen vielen Bereichen mehr als mithalten mit den Anbietern am freien Markt. Und dennoch boomt genau der freie Markt. Es muss wohl an der Institution der Kirche an sich liegen – sie erreicht die Menschen nicht mehr. Darauf deuten nicht nur die permanent hohen Austrittszahlen. Studien zeigen, dass auch die große Mehrheit der Verbleibenden nur mehr Taufscheinkatholiken sind. Selbst engagierte Katholiken sind großteils der Meinung, die Kirche hätte nicht die richtigen Antworten für die Fragen der Zeit. Menschen, die der Kirche nahe stehen, sehen im Vertrauensverlust eine Ursache dafür. Die Weigerung vieler kirchlicher Entscheidungsträger, gesellschaftlichen Wandel anzuerkennen sowie die große Unsicherheit in vielen damit einhergehenden Fragen beeinträchtigen die Glaubwürdigkeit. Die Schwierigkeiten im Umgang mit einem homosexuellen Pfarrgemeinderat ist hier nur Spitze des Eisbergs. Die Kirche wirkt auf viele Menschen verlogen und weltfremd. Sie hat über zu lange Zeit ihre Macht nicht sorgsam genug eingesetzt. Das sitzt tief – und trägt mit dazu bei, dass es gesellschaftlich akzeptiert wird, der Kirche den Rücken zuzuwenden. Mittlerweile spielt sie für viele einfach gar keine Rolle mehr im Leben. Meine ratsuchenden Freunde wären einfach gar nicht auf die Idee gekommen, sich mit ihren Fragen an die Kirche zu wenden.

Das ist schade für all jene, die sich als Pfarrer und Laienseelsorger ehrlich um das Seelenwohl der Menschen bemühen. Aber vielleicht gibt es dennoch Hoffnung. In unseren kleinräumigen Strukturen können sich pfarrliche Seelsorger in die Gemeinschaft integrieren. Und ihren großen Vorteil gegenüber Coaches nutzen: Sie müssen ihren Lebensunterhalt nicht mit an Kunden verkaufte Beratungsleistungen bestreiten. Sie können es mit Pater Theobald Grüner halten, für den Seelsorge am Stammtisch, bei Mittagessen mit den Gewerbetreibenden, beim Besuch in den Kindergärten passiert – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn: Seelsorge findet oft in alltäglichen Gesprächen statt. Durch Zuhören und Ernstnehmen bauen kirchliche Helfer Vertrauen auf – losgelöst von der dahinter stehenden Institution. Vielleicht denkt dann auch einer meiner Freunde an einen Laienseelsorger oder Pfarrer, wenn eine Sorge seine Seele belastet.

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