Literatur-Dschungel in Wien

Literatur im Museum ausstellen? Klingt schwierig. Klingt spannend. Spannend genug jedenfalls, um mich auf Expedition ins neue Literaturmuseum der österreichischen Nationalbibliothek zu begeben.

An einem dieser heißen Sommertage tauche ich ins Grillparzerhaus ein. Ich fühle mich gleich wohl hier. Regale vom Boden bis zur Decke, hell gestrichene Gewölbe, ein dunkler Holzdielenboden, moderne Polstermöbel. Eine heimelige Atmosphäre, die mich zum Versinken, Lesen und Denken einlädt.

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Das will mir aber nicht so recht gelingen. Irgendwie ist da zu viel: Hören, Lesen, Schauen, Infos vom Tablet-PC abrufen. Alles ist auf kleinstem Raum zusammengepackt. Das verwirrt mich, lenkt mich ab. Ich müsste mindestens einen ganzen Tag dort verbringen, um die Inhalte halbwegs umfassend aufzunehmen. Ein ganzer Tag im Literaturmuseum? Das ist selbst mir zu viel.

Irgendwie ist da zu wenig: Erklärung und Orientierung. Ich stehe im ersten Raum und sehe mich um. Gestartet wird mit der Aufklärung. Allerdings finde ich nicht wirklich heraus, was es mit dem Hanswurst auf sich hat. Ist das nun die Kasperlfigur oder nicht?

Ich versuche, der Struktur der Ausstellung auf die Spur zu kommen. Eine Zeit lang ist sie nach Zeitabschnitten gegliedert. Nach Grillparzer kommt aber dann plötzlich Handke ins Spiel. Ich bin verwirrt. Da war doch schon noch einiges dazwischen?! Ich bemerke: Es gibt parallel auch thematische Schwerpunkte, die eingeschoben werden. Ohne Erklärung, ohne besonders Hervorhebung oder architektonische Abgrenzung.

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Wo fängt ein Thema an? Wo geht’s weiter? Manchmal reicht es bis zum Ende des Regals, manchmal geht’s auf der gegenüberliegenden Seite weiter. Warum steht neben dem Hanswurst der Nestroy? Der war doch später?!? Ach so, weil es gegenüber weitergeht und sich dann von der anderen Seite an Nestroy heranpirscht.

Ich bin im Dschungel der österreichischen Literatur gelandet.

Ich stolpere ziemlich verloren herum. Ich drehe und wende den Orientierungsplan und hoffe vergebens auf Hilfe. Ich aktiviere das Tablet. Auch das hilft mir nicht wirklich weiter.

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Knapp nach der Hälfte der Ausstellung finde ich endlich raus, wie ich sie nutzen will und kann. Allerdings bin ich da schon einigermaßen erschöpft.

Erst im dritten Viertel der Ausstellung bemerke ich, dass ganz oben in den Regalen auf schwarzen Boxen die zum Thema oder zur dargestellten Zeit passenden Werke und Autoren als stilisierte Buchrücken aufgestellt sind. Hätte mir auch vorher schon interessante Infos geliefert. Zurückgehen? Nein danke, jetzt nicht mehr.

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Was ich wohl noch alles übersehen habe?

Klar, es ist herausfordernd, die Fülle der österreichischen Literatur aus rund 150 Jahren museal aufzubereiten. Ein wenig aber beschleicht mich der Verdacht, dass es hier vielmehr darum ging, die Schätze der Nationalbibliothek – Originalmanuskripte, Fotos und Tondokumente – aus dem Keller zu holen und ihnen einen Rahmen zu basteln.

Manuskriptfassung von Karl Kraus, "Die letzten Tage der Menschheit"

Manuskriptfassung von Karl Kraus, „Die letzten Tage der Menschheit“

 

Mit großem Mut zur Lücke streife ich durch den Rest der Ausstellung. Ganz am Ende bleibe ich dann doch noch einmal hängen: Die unterschiedlichen Arbeitsweisen von Autoren und ihre Schreiborte fesseln mich. Ihre Notizbücher, Recherchen, Korrekturen und Storyboards. Räumt mit dem Mythos auf, dass allen die Texte aus den Fingern rinnen. Manchen schon. Vielleicht.

Hier hat einst Franz Grillparzer gearbeitet.

Hier hat einst Franz Grillparzer gearbeitet.

 

Wie umfassend die österreichischen Autoren und Werke hier dargestellt sind, kann ich nicht beurteilen. Die chaotische Fülle erschlägt mich beinahe und raubt mir mein Urteilsvermögen. Was jedenfalls toll ist: Neben den allseits bekannten Stars der österreichischen Literatur finden sich auch einige, mir unbekannte Namen. Wie Vicky Baum und Mela Hartwig, die ich demnächst unbedingt lesen möchte.

Und auch sonst kann ich einiges mitnehmen: Eine Auffrischung zu den alten Herren Nestroy, Raimund und Grillparzer mitsamt der Lust, den einen oder anderen wieder zu lesen. Nun, mit dem Lese- und Lebenserfahrungsschatz einer Erwachsenen, der doch etwas umfassender ist als der einer 17-Jährigen.

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Auch: Große Lust, wieder einmal einen Bernhard zu lesen. Ein wenig Mut dafür, doch den „Mann ohne Eigenschaften“ anzugehen. Die schöne Skizze Werfels vom Dorf Musa Dagh und die Ausschnitte an der Hörstation machen mir Lust auf das neu erschienene Hörbuch. Es wäre ohnehin wieder einmal an der Zeit für dieses tolle Werk.

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Sehr nett, die Abreiß-Gedichte zum Mitnehmen.

 

Nach knapp drei Stunden, in denen ich die beiden Stockwerke des Museums mit einer weiteren Besucherin und den Aufsehern geteilt habe, tauche ich wieder auf. Ins heiße Wien. Und bin erstaunt, wie klar und übersichtlich hier alles ist.

Literatur im Museum ausstellen? Scheint schwierig. Bleibt spannend.

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