Es muss wohl Poetry Slam sein!

Spätestens dann, wenn die Warteschlange vor der Linzer Tabakfabrik noch immer fast bis zur Donaulände reicht, obwohl längst schon alle Sitzplätze belegt sind – spätestens dann wird klar, dass Poetry Slam in Oberösterreich längst gut etabliert ist. Mehr als 400 Menschen sind gekommen, um den Wettstreit der Poetinnen und Poeten mitzuerleben.

Poetry Slammer

Manuel „Fisch“ Thalhammer steht seit 2014 als Poetry Slammer auf der Bühne und ist derzeit einer der aktivsten Poeten aus Oberösterreich.

Sechs Poetinnen und Poeten wetteifern heute mit ihren selbstverfassten Texten um die Gunst des Publikums. Dafür stehen ihnen jeweils maximal sechs Minuten zur Verfügung. Wer länger braucht, wird von den beiden Moderatoren freundlich, aber gnadenlos vom Mikrofon befreit. Philipp Quell wird es heute Abend so ergehen. Als erfahrener Poetry Slammer trägt er es mit Fassung. Das Publikum bewertet mit der Stärke des Applauses und in zufällig ausgewählten Jury-Grüppchen. Die besten vier schaffen es ins Halbfinale, zwei treten dann im Finale um den Sieg an.

Und sie legen einiges vor, die Männer und Frauen auf der Bühne. Steht hier eine schaurig-schöne naturwissenschaftliche Abrechnung mit einem Liebhaber an, gibt es dort ein witziges Loblied an die Marillenknödel der Großmutter. Die ausgefeilten Texte werden teils auswendig performt, teils gelesen. „Da wird eine Jogginghose gefeiert oder eine 5-minütige Ode an das Schnitzel zelebriert. Wo passiert so etwas sonst?“, sagt Severin Agostini, der organisiert, moderiert, Workshops abhält und selbst auch schon oft als Slammer auf der Bühne gestanden ist. Auch kritische gesellschaftspolitische Themen und ernste persönliche Reflexionen erhalten viel Zuspruch aus dem Publikum. „Ich finde es toll, wie so unterschiedliche Poetinnen und Poeten es schaffen, mit ihren lyrischen Worten Bilder zu erzeugen,“ sagt Katrin Zocher, Mitorganisatorin der Poetry Slams.

Moderation Poetry Slam

Die Moderatoren Sevi Agostini und Andi Perndorfer werten die Jury-Ergebnisse aus.

Die gebürtige Oberösterreicherin Mieze Medusa hat gemeinsam mit Markus Köhle (der letztens Stattschreiber in Wels war) 2002 Poetry Slam nach Österreich gebracht. An die Anfänge erinnern sich die beiden, die in der Szene als „Mama und Papa Slam“ gelten, in ihrer 2017 erschienenen Anthologie „Slam, Oida!“. Darin präsentieren sie 42 Texte der interessantesten (ober)österreichischen Slammer und Slammerinnen.

In Oberösterreich hat ein Team um „Kulturfolgerin“ Dominika Meindl 2004 mit der Veranstaltung von Poetry Slams begonnen. Heute organisiert hier das elfköpfige Team des Vereins PostSkriptum jährlich mehr als 50 Veranstaltungen. Zu den monatlichen Slams in der Tabakfabrik und im Solaris in Linz sowie im Medien Kulturhaus in Wels kommen Auftritte bei Festivals, Veranstaltungen und im Landestheater. Dazu gibt es Nachwuchs-Slams und Spielarten mit speziellen Themen und Regeln.

Jury Poetry Slam

Zufällig ausgewählte Gruppen bewerten die Texte nachdem das Publikum mehr oder weniger laut applaudiert hat.

Der Slam in der Tabakfabrik neigt sich dem Ende zu. Die Moderatoren horchen ins Publikum. Dieses klatscht, johlt und jubelt – bei beiden in etwa gleich. Also werden sich heute zwei den Gewinn teilen: Eine Flasche Whiskey, ganz in der Tradition des Performance-Poeten Marc Kelley Smith, der 1986 in der Chicagoer Bar „The Green Mill“ den ersten Slam veranstaltet hat.

 

Information:

  • Tabakfabrik Slam: Zweiter Freitag im Monat
  • MKH Wels Poetry Slam: Zweiter Samstag im Monat
  • Solaris Poetry Slam: Letzter Donnerstag im Monat
  • Weitere Termine und Infos
Buchcover Slam, Oida!

2017 haben Mieze Medusa und Markus Köhle anlässlich 15 Jahre Poetry Slam in Österreich ihre Anthologie „Slam, Oida!“ im Lektora Verlag herausgebracht. Dort präsentieren sie Texte (ober)österreichischer Slammerinnen und Slammer, erinnern sich an die Anfänge und erklären, wie Poetry Slams ablaufen.

Dieser Artikel ist im oö. Kulturbericht 3/2018 erschienen.

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