Nebelflucht mit Chlorgeruch

Auf zwei Bahnen werden männliche Jugendliche von ihrem Schwimmlehrer ins Wasser gejagt. Der nicht mehr ganz junge Lehrer trägt eine schmal geschnittene babyblaue Badehose. Lange rätsle ich, was mich daran so besonders irritiert. Es sind die Nähte im Schritt, wie bei einer Männerunterhose. Wen er damit wohl beeindrucken möchte? Die älteren Damen, die gemütlich schwimmend mit ihren rundlichen Freundinnen über Mode und abwesende ältere Damen plaudern, scheinen ihn jedenfalls nicht wahrzunehmen.

Heute Vormittag wollte ich nicht erneut auf gatschigen Wegen durch nebelige Landschaften laufen. So bin ich im städtischen Schwimmbad gelandet. Ich finde meinen Platz zwischen plantschenden und schwimmenden Menschen und beginne, meine Bahnen zu ziehen. Nur Brust, alles andere kann ich nicht mehr. Zur Schonung meines Rückens (ja ja, auch ich zolle dem Alter bereits Tribut) habe ich mir eine Schwimmbrille gekauft. Macht bestimmt auch nicht hübscher, das weiße Plastikding. Aber so kann ich mit geradem Rücken durch das Wasser pflügen. Kräftig stoße ich mich vom Beckenrand ab, strecke mich ganz lang aus und tauche bewegungslos ein paar Meter durchs Wasser. Ich fühle mich wie ein Pfeil und bin froh, dass ich mir nicht selbst zusehen kann. Das würde mir ein paar Illusionen rauben. So ziehe ich meine Bahnen, eine um die andere.

Nach einer Stunde steige ich aus dem Wasser. Die pubertierenden Burschen wurden mittlerweile von einer Schar ebensolcher Mädchen abgelöst. Deren Lehrerin ist dezenter gekleidet: Weinrotes Shirt mit Spaghetti-Trägern, heller kurzer Sommerrock. Meine Haut fühlt sich seltsam rau an. Meine Finger sind schrumpelig. Die Schwimmbrille hat ihre Abdrücke unterhalb meiner Augen hinterlassen. Sie erinnern mich sogar noch beim abendlichen Blick in den Spiegel an meinen Ausflug ins Nass.

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